Wer mir hier auf diesem Blog, auf Facebook oder Twitter folgt, der weiß, dass der Name Pikler in meinem Leben eine große Rolle spielt. Auch privat werde ich oft angesprochen a la "Was sagt denn Frau Pikler dazu?" Und tatsächlich habe ich anfangs genauso gedacht. Wenn ich nicht weiter wusste, schaute ich, was Emmi Pikler oder Magda Gerber zu sagen hatten. Doch bald merkte ich, das Pikler mehr war als nur schwarz oder weiß. Ja oder nein. Richtig oder Falsch.
Pikler ist bunt. Kunterbunt. Das mag man nicht so recht glauben, wenn man nichts außer ihren mittlerweile doch sehr in die Jahre gekommenen Büchern kennt und sonst nichts. Wer sich im Zuge dessen bereits mit Magda Gerber angefreundet hat, der wird schon etwas farbenfroher in die Welt des Elternseins schauen. Obwohl dazu natürlich auch die gewisse Portion an Selbstkritik und Reflexion gehört.
Aber was ist so viel mehr an Pikler, als ihr vehementes Befürworten der freien Bewegungsentwicklung und der ungeteilten Aufmerksamkeit während der Pflege ?
Gemeinsames Wachsen
Nun, es ist das Dazwischen. Viele glauben Pikler hieße, sein Kind den ganzen Tag lang am Boden liegend spielen zu lassen und sich nur während des Wickelns oder Fütterns wirklich mit ihm zu befassen. Wenn man jedoch einen einzigen kleinen Schritt hinzufügt, nämlich das Beobachten, dann ist man schon hundert Schritte weiter. Denn natürlich will kein Kind nur am Boden liegen und fröhlich glucksen. Die wenigstens geben sich mit einer liebevollen Pflegesituation zufrieden sondern fordern Mama und Papa wesentlich mehr. Manchmal sehr viel mehr, als wir gedacht hätten. Da hilft nur eins: Beobachten. Und zwar nicht nur das Kind und sein Tun und Handeln. Sondern das gesamte Rundherum. Unser Verhalten. Den Tagesablauf. Die Auswirkung von äußeren Einflüssen und Veränderungen. Entwicklungsbedingte Veränderungen. Eigene Prinzipien und deren plötzliche Verschiebung. Die eigene Partnerschaft. Bedürfnisse. Ängste.
Wenn man all das nun wirklich aufnimmt und miteinander in Zusammenhänge setzt, erzieht man plötzlich nicht sein eigenes Kind nicht mehr. Im Gegenteil. Man zieht und rückt an sich selber. Man schaut zurück auf die eigene Vergangenheit, die eigene Kindheit. Man überdenkt eigene Ansprüche und Vorstellungen. Und idealer weise kann man die noch mit dem Partner besprechen. Es entsteht ein Gemeinsames Wachsen. MIT dem Kind. Und das eigene Leben verschiebt sich. Ganz automatisch und leise.
Sich finden
In meinem Fall hat sich vieles verschoben. Dass ich unzufrieden mit meinem Job war, war schon lange vor der Schwangerschaft bekannt. Was ich jedoch stattdessen wollte, war immer ein großes Fragezeichen. Nach den ersten Besuchen im Spielraum war mir sehr klar, was es war, was ich wollte. Zumindest grob. Das ist nun 2 Jahre her und die Vorstellung wird bunter, aber auch dichter. Und bis zur Geburt und Karenzzeit mit Frau Klein habe ich Zeit, diese Vorstellung noch weiter zu detaillieren und auf mich wirken zu lassen. So dass ich dann neu und - man kann wohl sagen wohlüberlegt - in ein neues Abenteuer starten kann.
Viele (mich inbegriffen), die sich anfangs mit Pikler und ihren Prinzipien befassen, wollen aus lauter Begeisterung alle anderen davon begeistern und überzeugen. Das endet dann meist in unerwünschten Beiträgen und Kommentaren und Frustration auf vielen Seiten. Erst im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht darum geht, alle anderen mitzureißen. Sondern darum, erst einmal seinen eigenen Weg zu finden. Und auf das Handeln und Reden anderer nicht zu reagieren, so lange niemand konkrete Fragen stellt. Und selbst dann bedarf es der Überlegung, ob eine Antwort oder ein Ratschlag überhaupt möglich ist. Gerade auf Twitter ist das eine Herausforderung. Dort wird man täglich mit Elternfragen konfrontiert. Aber die wenigsten davon richten sich an ernsthafte Auseinandersetzung mit diesen. Viele wollen einfach nur mal Dampf ablassen oder hören, dass sie nicht allein sind. Da muss man dann Weiterscrollen oder Ausschalten. Auch das geht nur, wenn man gut bei sich angekommen ist.
Weiterentwickeln
Zur gleichen Zeit, als ich begann mich mit der Piklerpädagogik auseinanderzusetzen, begann ich auch, die Zeitschrift "Mit Kindern wachsen" zu lesen. Wer diese kennt, weiß, dass sie auch immer wieder sehr buddhistische Ansätze beinhaltet. Dass es dort sehr viel um Achtsamkeit geht. Und darum, im Moment zu sein. Bei sich zu sein. Zur inneren Ruhe zu finden. Klarheit. Sicherheit.
Wenn man sich weiterführend mit der Piklerpädagogik befasst, so kommt man genau dort auch hin. Dann stößt man über die einzelnen Themen, die einen als Eltern beschäftigen, auf eben diese Themen. Wie wichtig und hilfreich Achtsamkeit und respektvoller Umgang mit Kindern ist. Wie oft uns die Klarheit fehlt, die Sicherheit. Die innere Ruhe. Wie oft wir selbst nicht wissen, was uns eigentlich wichtig ist. Und was wir wollen.
Und so stellt man sich immer mehr Fragen. Und findet immer mehr Antworten. Antworten auf Fragen, von denen wir vorher gar nicht wussten, dass sie unser Leben dominieren. Auch schon, bevor wir Kinder hatten.
Kommunikation
Als Mitglied eines Wohnprojektes mit 50 Erwachsenen, die gemeinsam ein Haus bauen und dort gemeinsam leben wollen, ist eine gewisse Bereitschaft zu gewaltfreier und offener Kommunikation notwendig. Da kommt man mit "So ein Blödsinn" nicht weiter. Da braucht es ein "Was genau stört Dich daran?" um auf rutschigen Böden nach Gründen zu suchen und auf viel zu hohen Leitern gemeinsame Lösungen zu finden.
Mit Kindern ist das nicht anders. Ein einfaches "Nein. So nicht." hilft selten. Auch ein "Stell Dich nicht so an!" ist eher kontraproduktiv. Mit einem "Ich verstehe, dass Dir das schwer fällt." kann man jedoch mit dem Kind in Kontakt treten und auf wundersame Weise eine Kommunikation erzeugen, die leider selbst uns Erwachsenen oft nicht einfällt.
Kürzlich schrieb ein guter Bekannter in einer email an Freunde und Bekannte, dass seine Mutter verstorben sei. Ich wollte darauf antworten, aber fand keine Worte. Ein leeres "Herzliches Beileid" kam mir nicht über die Tasten. Tage vergingen, weitere emails schoben die Unannehmlichkeit nach unten und ich vergaß darüber. Bis ich ihm persönlich gegenüberstand. Einige Wochen später. Und während ich früher in so einer Situation krampfhaft versucht hätte, das Thema zu meiden und in "hoffentlich beidseitiger Vergessenheit" zu ahnen, fragte ich ihn einfach, wie es ihm ginge und ob er den Tod etwas verarbeitet hätte. Und plötzlich begann er zu reden. Ganz offen. Ganz ehrlich. Und ich brauchte nichts sagen, von all dem, was ich immer glaubte, was man so sagen muss, in so einem Fall. Ich musste nur zuhören und die passenden Worte kamen einfach so aus mir heraus.
Da merkte ich, dass die Auseinandersetzung mit der Art der Kommunikation und überhaupt der Umgang mit Menschen, wie ich ihn in der Piklerausbildung kennenlerne, bereits in mich gesunken ist. Obwohl wir natürlich keine Dialoge lernen oder so etwas "üben". Es ist ein Teil des Ganzen, der in einem wächst, wenn man bereit dazu ist.
Befreien von Dogmen
Wenn man einmal seinen Weg gefunden hat, dann fällt es schwer - wie oben angedeutet - ihn nicht gewaltsam anderen Menschen aufzudrücken.
Vor allem Emmi Pikler wird von vielen als dogmatisch verstanden, von vielen vielleicht auch so kommuniziert. Ihre Tochter Anna Tardos selbst sagte auf der letzten PiklerSpielraumtagung: "Man darf nicht kämpferisch sein. Das schadet und erschreckt."
So ist es mit vielen Dingen im Leben. RaucherInnen und NichtraucherInnen, FleischesserInnen und VegetarierInnen, Religöse, Mehr- und Minderheiten sämtlicher Art können davon Lieder singen.
Ich war mal Raucherin und Fleischesserin. Und auch dogmatische Piklerverteidigerin. Heute beschäftige ich mich auch in verschiedenen Zusammenhängen mit Dr. Sears oder Rudolf Steiner. Nicht, weil ich alles, was sie sagen, plötzlich gut finde oder befürworte. Aber weil ich verstehen will, warum Eltern tun, was sie tun. Und wie man so vielleicht aus verschiedenen Ansätzen heraus viel buntere und durchaus weitreichend zufriedenere Lösungen finden kann.
Vieles von all dem oben gesagten kann man natürlich auch in anderen Lebensbereichen erfahren. Bewusst oder unbewusst. Einige tragen vieles bereits in sich, andere beschäftigen sich lange mit etwas, und kommen dennoch nicht an.
Ich habe all das zumindest indirekt durch die Auseinandersetzung mit der Piklerpädagogik erfahren, gelernt und verinnerlicht. Ich bin immer wieder überrascht wohin mich der Hinweis auf diesen einfachen Namen dieser ungarischen Kinderärztin, von der ich nie zuvor gehört hatte, geführt hat und immer noch führt. Für mich ist diese Pädagogik ein Lebensstil geworden, der in so vielen anderen Bereichen als in der Begleitung meines Kindes gelebt wird. Und ich bin gespannt, wo ich letztendlich wirklich gänzlich dadurch ankommen werde.
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Dienstag, 27. November 2012
Mittwoch, 24. Oktober 2012
Twitter, Facebook und mein Kind
Heute wurde ich auf Twitter von der lieben @_anitram gefragt, wie das mit dem Handygebrauch in Anwesenheit des Kindes aus Piklersicht denn so sei. Interessant, dass diese Frage nur wenige Tage nach meinem Explosionen post kommt. Und zu einer Zeit, in der ich sehr stark selbst an mir arbeite, um diesen Handygebrauch einzudämmen und die damit verbundenen Explosionen im Zaum zu halten.
Denn einiges ist in letzter Zeit klar geworden: Wenn Herr Klein aus der Krippe kommt, will er Mama. NUR Mama. Da akzeptiert er kaum, dass ich auch mal aufs WC muss. Schon gar nicht, dass ich mit einem kleinen blinkenden Display vor der Nase auf dem Sofa sitze. Warum hat es eine Weile gebraucht, bis ich drauf gekommen bin?
Woran ich mich festklammerte war zum einen der Gedanke, das die ungeteilte Aufmerksamkeit ja vor allem für die Pflegemomente galt. Das ist auch richtig und zu diesen Zeiten bekommt Herr Klein sie auch ungefragt. Kein Handy existiert beim Anziehen, beim Essen oder beim Abendritual. Aber in der Zeit zwischen Krippe und Abendessen gibt es nun kein Wickeln mehr und kein Essen, kein Baden und kein Anziehen. Woher soll er also Aufmerksamkeit tanken?
Zum anderen war da der Gedanke: Er muss auch akzeptieren, dass ich Zeit für mich brauche. Dass ich nicht 24/7 für ihn da bin. Das muss ich ihm klar vermitteln.
Aber diese Klarheit hat gefehlt. Denn es war ja keine fixe Zeit, in der ich "nicht verfügbar" war, sondern es war eine Durchmischung von Dasein und zwischendurch Aufs Handy schaun. Und das, nachdem er die letzten 7 Stunden getrennt von mir verbracht hat. Nicht unbedingt fair.
Was ist so schlimm am Handygebrauch in Anwesenheit des Kindes?
Theoretisch nichts. Telefone gab es schon immer und Kinder mussten lernen, dass ihre Eltern nur teilanwesend waren, wenn sie in ein Plastikgerät sprachen und dabei wild gestikulierten. Das kann ein Kind auch lernen. Ein Telefon klingelt und Mama ist für eine Weile abwesend.
Heutzutage sieht das anders aus. Das Telefon muss nicht mehr klingeln, es muss auch nicht piepen oder summen. Dennoch sitzen wir Erwachsenen wie gebannt davor. Wir sprechen nicht einmal mehr hinein, wir starren auf ein Display und sind in einer anderen Welt verschwunden. Eine Welt, die für Kinder nicht nachvollziehbar ist, die Gründe für uns selbst teilweise völlig unklar.
Täglich beobachtet man es auf Spielplätzen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln: Eltern, die in Handys starren. Nur kurz aufblicken, wenn ihr Kind sie anspricht, abwesend lächelnd oder gar nicken, und weiter mit dem Daumen wild umhertippen.
Das ist sicher nicht, was Emmi Pikler mit ungeteilter Aufmerksamkeit meinte. Es ist aber auch nicht das, was sie eben so befürwortete: Die Auszeit der Eltern. Die Momente, in denen wir unseren Kindern erklären: "Ich bin jetzt beschäftigt. Wenn ich dies und das fertig habe, bin ich wieder für Dich da." Sei es Hausarbeit, das Lesen eines Buches oder einfach nur eine Tasse Kaffee. Denn all das ist nicht nur ok, es ist wichtig. Wichtig um Mensch zu bleiben und dem Kind gegenüber authentisch.
Aber das Handy katapultiert uns in ein Paralleluniversum, das dem Kind letztendlich unheimlich ist. Papa ist da, Papa reagiert auch, aber er wirkt mechanisch. Er ist nicht er selbst. Kein Wunder, dass die Kinder toben, uns die Handys aus den Händen reißen wollen oder - im Falle von Herrn Klein - all die Dinge anstellen, von denen er weiß, dass sie mich auf die Palme bringen. Bis ich oben bin, auf der Palme. Explodiert und schnaufend. Dann hat er zumindest eines: Die Aufmerksamkeit, die er wollte.
Nun sollen wir uns ja nicht entwöhnen und mühsam zurückkehren ins 20.Jahrhundert. Viel wichtiger ist es, Zeiten zu schaffen, in denen wir unseren Kindern diese ungeteilte Aufmerksamkeit bieten. In denen wir wirklich bewusst das Handy "vergessen" und voll und ganz beim Kind sind. Denn letztendlich ist es das, was wir viel zu selten tun. Auch wenn wir in Karenz 24h daheim sind mit dem Kind - wie viel Zeit verbringen wir wirklich am Boden oder in seiner Nähe sitzend? Die Gedanken nur auf das Kind gerichtet und interessiert an seinem Tun? Solange die Kinder mitten in der grobmotorischen Entwicklung stecken, tun wir das häufig. Wir sitzen neben ihnen, beobachten gebannt erste Dreh-, Sitz- oder Krabbelversuche. Sobald die Kinder laufen können und aktiver werden, werden die Zeiten, die wir mit ihnen wirklich gemeinsam verbringen, weniger. Mir ist das dann oft erst im Pikler-Spielraum wieder gelungen. Wo es nichts anderes gab als den Raum, das Kind und mich (und andere Eltern, die ebenso gebannt ihren Kindern zuschauten). Wie traurig aber, wenn man Geld bezahlt und das Haus verlässt, um das eigene Kind zu erleben. Und da wir nun keinen Spielraum mehr besuchen, versuche ich mir die Zeit daheim zu nehmen. Das heißt mittlerweile auch mal mitmachen. Mitspielen und abtauchen in eine Phantasiewelt, der es oft schwer ist zu folgen. Aber in der wir unsere Kinder erleben, wie wir es sonst selten tun. Nämlich voll und ganz vertieft. Ihr eigenes Leben verarbeitend. Beschäftigt. Glücklich und zufrieden über unser Interesse. Wer braucht da noch ein Handy ???
Wie oft sehnen wir uns danach, dass die Kinder sich "mal 5 Minuten selbst beschäftigen"? Gegenfrage - wie oft schaffen wir es, uns mal 5 Minuten voll und ganz auf sie einzulassen? Ohne Hausarbeit, den nächsten Tweet oder das Verlangen nach Kaffee im Kopf?
Vor allem für werdende Mütter ist das ein wichtiger Aspekt. Denn wenn ein zweites Geschwisterchen da ist, wird dem älteren Kind einiges an Aufmerksamkeit automatisch genommen. Um damit besser umzugehen, ist es wichtig, dass wir Mütter Zeiten schaffen, auf die sich das ältere Kind verlassen kann. Von denen es weiß: Dann ist Mama ganz sicher NUR für mich da. Dafür muss es aber die Erfahrung gemacht haben, dass es sich darauf verlassen kann, dass es diese Zeiten gibt. Ein Stück der wenigen Vorarbeit, die wir noch in der Schwangerschaft leisten können. Und was ist entspannter für den dicken Kugelbauch, als am Boden neben dem spielenden Kind zu sitzen? Ohne dabei die nächste Statusmeldung auf Facebook im Kopf zu formulieren.
Denn einiges ist in letzter Zeit klar geworden: Wenn Herr Klein aus der Krippe kommt, will er Mama. NUR Mama. Da akzeptiert er kaum, dass ich auch mal aufs WC muss. Schon gar nicht, dass ich mit einem kleinen blinkenden Display vor der Nase auf dem Sofa sitze. Warum hat es eine Weile gebraucht, bis ich drauf gekommen bin?
Woran ich mich festklammerte war zum einen der Gedanke, das die ungeteilte Aufmerksamkeit ja vor allem für die Pflegemomente galt. Das ist auch richtig und zu diesen Zeiten bekommt Herr Klein sie auch ungefragt. Kein Handy existiert beim Anziehen, beim Essen oder beim Abendritual. Aber in der Zeit zwischen Krippe und Abendessen gibt es nun kein Wickeln mehr und kein Essen, kein Baden und kein Anziehen. Woher soll er also Aufmerksamkeit tanken?
Zum anderen war da der Gedanke: Er muss auch akzeptieren, dass ich Zeit für mich brauche. Dass ich nicht 24/7 für ihn da bin. Das muss ich ihm klar vermitteln.
Aber diese Klarheit hat gefehlt. Denn es war ja keine fixe Zeit, in der ich "nicht verfügbar" war, sondern es war eine Durchmischung von Dasein und zwischendurch Aufs Handy schaun. Und das, nachdem er die letzten 7 Stunden getrennt von mir verbracht hat. Nicht unbedingt fair.
Was ist so schlimm am Handygebrauch in Anwesenheit des Kindes?
Theoretisch nichts. Telefone gab es schon immer und Kinder mussten lernen, dass ihre Eltern nur teilanwesend waren, wenn sie in ein Plastikgerät sprachen und dabei wild gestikulierten. Das kann ein Kind auch lernen. Ein Telefon klingelt und Mama ist für eine Weile abwesend.
Heutzutage sieht das anders aus. Das Telefon muss nicht mehr klingeln, es muss auch nicht piepen oder summen. Dennoch sitzen wir Erwachsenen wie gebannt davor. Wir sprechen nicht einmal mehr hinein, wir starren auf ein Display und sind in einer anderen Welt verschwunden. Eine Welt, die für Kinder nicht nachvollziehbar ist, die Gründe für uns selbst teilweise völlig unklar.
Täglich beobachtet man es auf Spielplätzen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln: Eltern, die in Handys starren. Nur kurz aufblicken, wenn ihr Kind sie anspricht, abwesend lächelnd oder gar nicken, und weiter mit dem Daumen wild umhertippen.
Das ist sicher nicht, was Emmi Pikler mit ungeteilter Aufmerksamkeit meinte. Es ist aber auch nicht das, was sie eben so befürwortete: Die Auszeit der Eltern. Die Momente, in denen wir unseren Kindern erklären: "Ich bin jetzt beschäftigt. Wenn ich dies und das fertig habe, bin ich wieder für Dich da." Sei es Hausarbeit, das Lesen eines Buches oder einfach nur eine Tasse Kaffee. Denn all das ist nicht nur ok, es ist wichtig. Wichtig um Mensch zu bleiben und dem Kind gegenüber authentisch.
Aber das Handy katapultiert uns in ein Paralleluniversum, das dem Kind letztendlich unheimlich ist. Papa ist da, Papa reagiert auch, aber er wirkt mechanisch. Er ist nicht er selbst. Kein Wunder, dass die Kinder toben, uns die Handys aus den Händen reißen wollen oder - im Falle von Herrn Klein - all die Dinge anstellen, von denen er weiß, dass sie mich auf die Palme bringen. Bis ich oben bin, auf der Palme. Explodiert und schnaufend. Dann hat er zumindest eines: Die Aufmerksamkeit, die er wollte.
Nun sollen wir uns ja nicht entwöhnen und mühsam zurückkehren ins 20.Jahrhundert. Viel wichtiger ist es, Zeiten zu schaffen, in denen wir unseren Kindern diese ungeteilte Aufmerksamkeit bieten. In denen wir wirklich bewusst das Handy "vergessen" und voll und ganz beim Kind sind. Denn letztendlich ist es das, was wir viel zu selten tun. Auch wenn wir in Karenz 24h daheim sind mit dem Kind - wie viel Zeit verbringen wir wirklich am Boden oder in seiner Nähe sitzend? Die Gedanken nur auf das Kind gerichtet und interessiert an seinem Tun? Solange die Kinder mitten in der grobmotorischen Entwicklung stecken, tun wir das häufig. Wir sitzen neben ihnen, beobachten gebannt erste Dreh-, Sitz- oder Krabbelversuche. Sobald die Kinder laufen können und aktiver werden, werden die Zeiten, die wir mit ihnen wirklich gemeinsam verbringen, weniger. Mir ist das dann oft erst im Pikler-Spielraum wieder gelungen. Wo es nichts anderes gab als den Raum, das Kind und mich (und andere Eltern, die ebenso gebannt ihren Kindern zuschauten). Wie traurig aber, wenn man Geld bezahlt und das Haus verlässt, um das eigene Kind zu erleben. Und da wir nun keinen Spielraum mehr besuchen, versuche ich mir die Zeit daheim zu nehmen. Das heißt mittlerweile auch mal mitmachen. Mitspielen und abtauchen in eine Phantasiewelt, der es oft schwer ist zu folgen. Aber in der wir unsere Kinder erleben, wie wir es sonst selten tun. Nämlich voll und ganz vertieft. Ihr eigenes Leben verarbeitend. Beschäftigt. Glücklich und zufrieden über unser Interesse. Wer braucht da noch ein Handy ???
Wie oft sehnen wir uns danach, dass die Kinder sich "mal 5 Minuten selbst beschäftigen"? Gegenfrage - wie oft schaffen wir es, uns mal 5 Minuten voll und ganz auf sie einzulassen? Ohne Hausarbeit, den nächsten Tweet oder das Verlangen nach Kaffee im Kopf?
Vor allem für werdende Mütter ist das ein wichtiger Aspekt. Denn wenn ein zweites Geschwisterchen da ist, wird dem älteren Kind einiges an Aufmerksamkeit automatisch genommen. Um damit besser umzugehen, ist es wichtig, dass wir Mütter Zeiten schaffen, auf die sich das ältere Kind verlassen kann. Von denen es weiß: Dann ist Mama ganz sicher NUR für mich da. Dafür muss es aber die Erfahrung gemacht haben, dass es sich darauf verlassen kann, dass es diese Zeiten gibt. Ein Stück der wenigen Vorarbeit, die wir noch in der Schwangerschaft leisten können. Und was ist entspannter für den dicken Kugelbauch, als am Boden neben dem spielenden Kind zu sitzen? Ohne dabei die nächste Statusmeldung auf Facebook im Kopf zu formulieren.
Sonntag, 23. September 2012
Da sitz ich nun
Ein wesentlicher Aspekt der Arbeit Emmi Piklers war die autonome Bewegungsentwicklung. Das Kind sich motorisch selbst entwickeln zu lassen. Zu seiner Zeit. In seinem eigenen Tempo. Ohne es vorzeitig aufzusetzen, an den Händen zu führen. Für viele klingt das logisch, einleuchtend und natürlich. Aber erst, wer plötzlich Eltern wird, weiß, wie schwer es sein kann, das Kind "sein" zu lassen.
Oft taucht die Frage auf, WARUM das so wichtig sei. Alle Kinder würden ja früher oder später sitzen, krabbeln, stehen und gehen lernen. Das ist auch richtig. Aber in welcher Qualität können sie das? Und um welchen Preis haben sie das "nachhelfend" vorzeitig gelernt, wenn wir ihnen wortwörtlich "unter die Arme greifen" ?
Das klingt nun ein wenig weit hergeholt. Aber erst kürzlich, als wir im Pikler Grundkurs ein Experiment durchgeführt haben, wurde mir wieder bewusst, wie wesentlich eben genau diese freie Bewegungsentwicklung ist. Wie wertvoll. Und wie viel uns davon bereits verloren gegangen ist.
Da saßen wir also. Minuten, die sich wie Stunden anfühlten. Ohne Stützen. Im Raum verteilt. Wir sollten einfach sitzen und spüren, wann und wo es unangenehm wird. Hineinführen und schauen, welche Bewegung es braucht, um wieder angenehm zu sitzen.
Während der ganzen Zeit sprach niemand ein Wort. Wir hatten die Augen geschlossen, um genauer spüren zu können. Das einzige, was zu hören war, war die ständige Bewegung aller. Niemand hielt es lange in einer Sitzposition aus. Das Verlangen danach sich anzulehnen oder gar hinzulegen war enorm groß.
Im Vorfeld hatten wir uns Bilder von sitzenden Babies und Kleinkindern angeschaut. Wie entspannt sie wirkten, ins Spiel vertieft. Der Rücken aufrecht, die Beine ausgestreckt. Sich ihres Körpers bewusst und offen für jede neue Bewegung. Leicht. Und locker.
Wir hingegen kamen nicht zur Ruhe. Den Grund hierfür nennt Heinrich Jacoby "Zweckmäßigkeit". Kinder tun nicht mehr und nicht weniger, als sie müssen. Sie beanspruchen nur die Muskeln, die für die jeweilige Bewegung oder Position notwendig sind. Sie sind weder Couchpotato noch Zollstock. In all ihrem Tun wirken sie natürlich. So wir sie denn lassen.
„Ein Kind, dem man weder bei den Aufrichteversuchen zum Sitzen und Stehen, noch bei den ersten Laufversuchen hilft, dem man keine Hand gibt, um es hochzuziehen oder zu stützen, wird von Anfang an selb-sitzig und selb-ständig sein und bleiben. Aber wie viel Selbstdisziplin des Erwachsenen ist notwendig, damit er nicht eingreift! Es ist eine der wichtigsten und entfaltendsten Aufgaben, die das Leben schon dem Säugling stellt, sich beim Sichbewegen mit seiner Unterlage und mit seiner Last auseinandersetzen zu müssen. Nichts anderes steckt hinter dem Problem des Sitzens, Stehens und Laufens. Ein Kind, das sich die Beziehung zu seiner Körpermasse ohne fremde Hilfe erarbeitet hat, wird diese Beziehung kaum mehr verlieren und auch in anderer Beziehung selbständiger, unabhängiger, weniger anlehnungsbedürftig sein als das Gros unserer Zeitgenossen." (Heinrich Jacoby)
Betrachten wir nun also das Beispiel eines Babys, das von seinen Eltern aufgesetzt wurde, bevor es selbstständig fähig war, diese Position zu erreichen. Da es also nicht von allein in die Position gekommen ist, weiß es auch nicht, wie es wieder herauskommen kann. Rollt ihm nun ein Spielzeug davon, kann es ihm nicht nach. Ermüden seine Muskeln, kann es nicht einfach nachgeben und die Bewegung entsprechend ändern. Sein Bewegungsradius ist ebenso eingeschränkt, da es nun mit aller Kraft damit beschäftigt ist, in dieser Position zu bleiben ohne umzufallen.
Für die Muskeln bedeutet es eine Anstrengung, die unnatürlich ist. Weder Übung noch selbst initiiertes "Training" haben geholfen, genau die und NUR die Muskeln aufzubauen, die für die jetzige Position notwendig sind. Der Körper gerät in ein Ungleichgewicht, welches zu Blockaden und Verspannungen führen kann.
Aber was, wenn das Kind unzufrieden scheint? Wenn es doch mehr von der Welt sehen will und frustriert ist, weil es immer und immer wieder "versagt" im Versuch, sich aufzusetzen, sich fortzubewegen, sich aufzurichten?
Oft sind wir es, die mit den Frustrationen unserer Kinder nicht klarkommen. Das ist natürlich. Das weinende, schreiende oder schimpfende Kind ist kein Begleiter, der uns Freude bereitet. Dennoch sollten wir uns bewusst sein, wie wesentlich diese Erfahrung von Schwierigkeiten für unsere Kinder ist.
„Wir alle kennen diese ursprünglichen Regungen der Kinder, die immer wieder darauf hinauslaufen, allein probieren zu wollen.
Wir sollten nur noch mehr darum wissen, dass diese unermüdliche Überwindung von Widerständen aus eigener Initiative dem Kind jene Spannkraft verleiht, die wir ihm zu erhalten wünschen, und dass die Freude an der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten darauf beruht, dass es selbständig beobachten, forschen, probieren und überwinden durfte." (Elfriede Hengstenberg)
Nicht nur, um den ihren eigenen Körper eigenständig und zweckmäßig zu entwickeln, sondern auch für die späteren schwierigen Erfahrungen, die das Leben bereit hält.
„Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das wichtigste ist. Ein Kind, das durch selbständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz anderes Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird." (Emmi Pikler)
Dennoch möchte ich auf eines hinweisen. Wenn davon geredet wird, das Kind "sein zu lassen", seine Entwicklung sich selbst zu überlassen, so meine ich nicht, dass wir das Kind "liegen lassen" und zuschauen, wie es sich müht. Nur damit es lernt, auch mit Schwierigkeiten klarzukommen. Es gibt einen kleinen feinen Weg zwischen dem "Helfen" und dem "Sein lassen". Ich nenne es - das Begleiten. Das Kind zu beobachten und somit zu sehen, was es gerade beschäftigt. Dem Kind Worte für seine Mühen, aber auch seine Erfolge zu geben. Es zu trösten, ohne es abzulenken und ihm Lösungen darzulegen.
Der Erwachsene ist und bleibt wesentlicher Wegbegleiter des Kindes. Nicht Wegliebender, Wegförderer, nicht Weglasser.
Natürlich lieben wir unser Kind und wollen das Beste. Wollen es fördern, ohne es zu fordern. Genau das bedeutet - es zu lassen, ohne es allein zu lassen.
Wie ich sagte - ein feiner Weg. Ein Grat. Den es lohnt zu gehen. Denn auch wir werden an ihm wachsen und uns selbst neu entdecken.
Oft taucht die Frage auf, WARUM das so wichtig sei. Alle Kinder würden ja früher oder später sitzen, krabbeln, stehen und gehen lernen. Das ist auch richtig. Aber in welcher Qualität können sie das? Und um welchen Preis haben sie das "nachhelfend" vorzeitig gelernt, wenn wir ihnen wortwörtlich "unter die Arme greifen" ?
Das klingt nun ein wenig weit hergeholt. Aber erst kürzlich, als wir im Pikler Grundkurs ein Experiment durchgeführt haben, wurde mir wieder bewusst, wie wesentlich eben genau diese freie Bewegungsentwicklung ist. Wie wertvoll. Und wie viel uns davon bereits verloren gegangen ist.
Da saßen wir also. Minuten, die sich wie Stunden anfühlten. Ohne Stützen. Im Raum verteilt. Wir sollten einfach sitzen und spüren, wann und wo es unangenehm wird. Hineinführen und schauen, welche Bewegung es braucht, um wieder angenehm zu sitzen.
Während der ganzen Zeit sprach niemand ein Wort. Wir hatten die Augen geschlossen, um genauer spüren zu können. Das einzige, was zu hören war, war die ständige Bewegung aller. Niemand hielt es lange in einer Sitzposition aus. Das Verlangen danach sich anzulehnen oder gar hinzulegen war enorm groß.
Im Vorfeld hatten wir uns Bilder von sitzenden Babies und Kleinkindern angeschaut. Wie entspannt sie wirkten, ins Spiel vertieft. Der Rücken aufrecht, die Beine ausgestreckt. Sich ihres Körpers bewusst und offen für jede neue Bewegung. Leicht. Und locker.
Wir hingegen kamen nicht zur Ruhe. Den Grund hierfür nennt Heinrich Jacoby "Zweckmäßigkeit". Kinder tun nicht mehr und nicht weniger, als sie müssen. Sie beanspruchen nur die Muskeln, die für die jeweilige Bewegung oder Position notwendig sind. Sie sind weder Couchpotato noch Zollstock. In all ihrem Tun wirken sie natürlich. So wir sie denn lassen.
„Ein Kind, dem man weder bei den Aufrichteversuchen zum Sitzen und Stehen, noch bei den ersten Laufversuchen hilft, dem man keine Hand gibt, um es hochzuziehen oder zu stützen, wird von Anfang an selb-sitzig und selb-ständig sein und bleiben. Aber wie viel Selbstdisziplin des Erwachsenen ist notwendig, damit er nicht eingreift! Es ist eine der wichtigsten und entfaltendsten Aufgaben, die das Leben schon dem Säugling stellt, sich beim Sichbewegen mit seiner Unterlage und mit seiner Last auseinandersetzen zu müssen. Nichts anderes steckt hinter dem Problem des Sitzens, Stehens und Laufens. Ein Kind, das sich die Beziehung zu seiner Körpermasse ohne fremde Hilfe erarbeitet hat, wird diese Beziehung kaum mehr verlieren und auch in anderer Beziehung selbständiger, unabhängiger, weniger anlehnungsbedürftig sein als das Gros unserer Zeitgenossen." (Heinrich Jacoby)
Betrachten wir nun also das Beispiel eines Babys, das von seinen Eltern aufgesetzt wurde, bevor es selbstständig fähig war, diese Position zu erreichen. Da es also nicht von allein in die Position gekommen ist, weiß es auch nicht, wie es wieder herauskommen kann. Rollt ihm nun ein Spielzeug davon, kann es ihm nicht nach. Ermüden seine Muskeln, kann es nicht einfach nachgeben und die Bewegung entsprechend ändern. Sein Bewegungsradius ist ebenso eingeschränkt, da es nun mit aller Kraft damit beschäftigt ist, in dieser Position zu bleiben ohne umzufallen.
Für die Muskeln bedeutet es eine Anstrengung, die unnatürlich ist. Weder Übung noch selbst initiiertes "Training" haben geholfen, genau die und NUR die Muskeln aufzubauen, die für die jetzige Position notwendig sind. Der Körper gerät in ein Ungleichgewicht, welches zu Blockaden und Verspannungen führen kann.
Aber was, wenn das Kind unzufrieden scheint? Wenn es doch mehr von der Welt sehen will und frustriert ist, weil es immer und immer wieder "versagt" im Versuch, sich aufzusetzen, sich fortzubewegen, sich aufzurichten?
Oft sind wir es, die mit den Frustrationen unserer Kinder nicht klarkommen. Das ist natürlich. Das weinende, schreiende oder schimpfende Kind ist kein Begleiter, der uns Freude bereitet. Dennoch sollten wir uns bewusst sein, wie wesentlich diese Erfahrung von Schwierigkeiten für unsere Kinder ist.
„Wir alle kennen diese ursprünglichen Regungen der Kinder, die immer wieder darauf hinauslaufen, allein probieren zu wollen.
Wir sollten nur noch mehr darum wissen, dass diese unermüdliche Überwindung von Widerständen aus eigener Initiative dem Kind jene Spannkraft verleiht, die wir ihm zu erhalten wünschen, und dass die Freude an der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten darauf beruht, dass es selbständig beobachten, forschen, probieren und überwinden durfte." (Elfriede Hengstenberg)
Nicht nur, um den ihren eigenen Körper eigenständig und zweckmäßig zu entwickeln, sondern auch für die späteren schwierigen Erfahrungen, die das Leben bereit hält.
„Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt. Wenn wir ihm bei der Lösung aller Aufgaben behilflich sind, berauben wir es gerade dessen, was für seine geistige Entwicklung das wichtigste ist. Ein Kind, das durch selbständige Experimente etwas erreicht, erwirbt ein ganz anderes Wissen als eines, dem die Lösung fertig geboten wird." (Emmi Pikler)
Dennoch möchte ich auf eines hinweisen. Wenn davon geredet wird, das Kind "sein zu lassen", seine Entwicklung sich selbst zu überlassen, so meine ich nicht, dass wir das Kind "liegen lassen" und zuschauen, wie es sich müht. Nur damit es lernt, auch mit Schwierigkeiten klarzukommen. Es gibt einen kleinen feinen Weg zwischen dem "Helfen" und dem "Sein lassen". Ich nenne es - das Begleiten. Das Kind zu beobachten und somit zu sehen, was es gerade beschäftigt. Dem Kind Worte für seine Mühen, aber auch seine Erfolge zu geben. Es zu trösten, ohne es abzulenken und ihm Lösungen darzulegen.
Der Erwachsene ist und bleibt wesentlicher Wegbegleiter des Kindes. Nicht Wegliebender, Wegförderer, nicht Weglasser.
Natürlich lieben wir unser Kind und wollen das Beste. Wollen es fördern, ohne es zu fordern. Genau das bedeutet - es zu lassen, ohne es allein zu lassen.
Wie ich sagte - ein feiner Weg. Ein Grat. Den es lohnt zu gehen. Denn auch wir werden an ihm wachsen und uns selbst neu entdecken.
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Montag, 26. März 2012
Mit Familien wachsen
Als ich zur PiklerSpielraum Tagung nach Salzburg fuhr, tat ich dies hauptsächlich aus der Motivation heraus, irgendwann einmal eigene Spielräume zu leiten. Doch dafür gab ich mir selbst noch Zeit. Mein momentaner Fokus liegt auf der Familienbegleitung. So hatte ich nicht erwartet, wie sehr mich diese Tagung nicht nur unterstützen und bereichern, sondern auch unglaublich berühren würde.
Direkt am Freitag begann das Wochenende mit einem Vortrag von Anna Tardos, der Tochter Emmi Piklers, zum Thema "Familien begleiten in Eltern Kind Gruppen"
Als erstes stellte sie die Frage: "Sollen/Müssen/Dürfen wir Eltern begleiten?"
Die vermehrt auftretenden Schrei- oder Schlafambulanzen, das vermehrte Aufsuchen von Therapeuten oder Pädagogen seitens der Eltern, beantwortet diese Frage allein schon. Hinzu kommen die unzähligen unterschiedlichen Fachmeinungen, zwischen denen sich Eltern einfach nicht mehr auskennen. Kinderärzte, Hebammen, Therapeuten - sie alle reden wirr auf die Eltern ein. Aber sie alle leben einen großen Unterschied zur eigentlichen Familienbegleitung - sie kennen die Familie oft nur wenig, versuchen zu wenig zu verstehen, sondern eher, ihre Fachmeinung loszuwerden.
Daher ist es klar: Familienbegleitung ist notwendig und gefragter denn je. Das macht es nicht zu einer Marktlücke, mit der man versuchen sollte, sein Geld zu verdienen. Vielmehr sollten wir uns bewusst sein, welch verantwortungsvollen und sensiblen Job wir gewählt haben. Aber wie können wir den nicht nur ausüben, sondern dabei hilfreich und bereichernd sein?
Schon Emmi Pikler hat sich mit dieser Frage befasst. Sie war jahrelang private Kinderärztin und hat Familien auch über die medizinischen Anliegen hinaus begleitet. Die wenigsten wissen das, weshalb sie oft als "die mit dem Kinderheim" abgestempelt wird, die angeblich eine Pädagogik entwickelt hat, unter der ihr Heim gut und einfach läuft. Dabei hat sie so viel mehr getan. Vieles davon wird in dem Blog hier noch auftauchen.
Emmi Pikler hat sich nicht nur gefragt "Wie kann ein Kind sein?" sondern auch "Wie sind Kinder?" Sie hat also vor allem die Kinder beobachtet und in ihnen gelesen. Dann hat sie mit den Eltern gearbeitet, sie begleitet.
Natürlich hat sie damals recht kämpferisch und dogmatisch gearbeitet. Das bestätigt heute sogar ihre Tochter Anna Tardos. Anna hat in ihrem Vortrag eindringlich betont, dass wir nicht missionarisch sein dürfen. Dass wir Eltern nicht verschrecken sollen, indem wir dreimalklug und weise den Eltern vermitteln, dass sie bisher alles falsch gemacht haben. Vielmehr kommt es darauf an, die Eltern zu verstehen und zu kennen. Denn sie haben ihre eigene Geschichte, ihren kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Wir müssen ihre Motivation kennen, ihre Persönlichkeit.
Vor allem aber - und das ist wohl fast noch wesentlicher - dürfen wir Lösungen nur anbieten. Nicht aufzwängen. Und nicht einmischen. Wie können keine Familie beraten, unterstützen und begleiten, die nicht von sich aus zu uns kommt und uns fragt. Wo keine Frage ist, können wir nichts tun.
Am Heimweg im Zug habe ich eine Mutter gesehen, die ihr Kind, das noch nicht gehen konnte, an den Händen geführt hat. Den Gang rauf und runter. Natürlich tut es mir irgendwo weh, das zu sehen. Aber dabei das Lächeln der Mutter und die Zweisamkeit der beiden. Eine Harmonie, die man nicht zerstören darf. Also habe ich sie angelächelt und bin vorbeigegangen.
Was genau können wir aber tun als Familienbegleiterin? Anna Tardos sagt - wir können mit den Kindern arbeiten. Mit den Kindern reden, sie beobachten, auf sie eingehen. Wenn wir den Eltern quasi "vormachen", wie wir Probleme lösen können, geben wir die Möglichkeit nachzuahmen. Ohne dabei zu bewerten oder zu belehren. Ein Angebot.
Und - und das hat mich besonders beeindruckt - können wir Eltern aufzeigen, was ihre Kinder können, was sie tun. Damit wertschätzen wir nicht nur das Kind, sondern vor allem auch die Eltern. Und das ist es, was es oft braucht. Eine kleine Anerkennung. Eine wertschätzende Geste.
In einem Spielraum können wir das natürlich noch viel einfacher. Wir erleben das Kind dabei im Spiel, in Konflikten mit anderen Kindern und ganz bei sich. Wir können so viel mehr über die Familie erfahren. Und "vorbildlich" arbeiten. Ein Grund, warum ich die Familienbegleitung mit der Spielraumleitung kombinieren möchte.
Aafke, eine Niederländerin, die ich auf der Tagung kennenlernte, erzählte mir, dass sie Anna Tardos vor Jahren in Ungarn kennengelernt hat und Seminare bei ihr besucht hat. Dass Anna damals noch ebenso dogmatisch und missionarisch war, wie ihre Mutter. Dass sie gelehrt hat, was richtig und was falsch ist. Was Pikler und was nicht.
Und wie sehr sie sich nun gewandelt hat, wenn sie davon spricht, dass wir uns nicht einmischen dürfen. Die Piklerpädagogik nicht als das Heiligtum vermitteln.
Es gehört also zu einer guten Familienbegleiterin auch, dass wir mitwachsen mit unserer Berufung. Dass wir Meinungen ändern und dies akzeptieren können. Mit offenem Herz und wachsamem Geist. Ehrlich und Achtsam.
Ich danke Anna für diesen wundervollen und sehr lebhaften Vortrag. Für diese offene Einsicht in die Welt der Familienbegleitung. Und freue mich auf die Herausforderungen, die mir auf meinem Weg begegnen werden.
Ich danke aber auch Emmi Pikler. Sie hat so viel erforscht und erfahren, weitergegeben und (wenn auch dogmatisch) gelehrt, dass es mir heute noch möglich ist, mehr davon zu erfahren und zu diskutieren. Mit vielen Ansätzen ihrer Erkenntnisse im Hinterkopf werde ich arbeiten. Weil ich sie für wertvoll halte. Nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie. Warum, dazu werde ich im einzelnen noch berichten auf dieser Seite. Wenn es um Bindung und Beziehung geht, um liebevolle Pflege, um freie (Bewegungs)Entwicklung. Um die Vorbereitung auf das Kind vor der Geburt. Um Problembewältigung danach. Und so vieles mehr.
Diese Arbeit ist nicht nur verantwortungsvoll und sehr sensibel. Sie ist so reich und berührend. Ein wundervoller Weg, der vor mir liegt. Danke!
Direkt am Freitag begann das Wochenende mit einem Vortrag von Anna Tardos, der Tochter Emmi Piklers, zum Thema "Familien begleiten in Eltern Kind Gruppen"
Als erstes stellte sie die Frage: "Sollen/Müssen/Dürfen wir Eltern begleiten?"
Die vermehrt auftretenden Schrei- oder Schlafambulanzen, das vermehrte Aufsuchen von Therapeuten oder Pädagogen seitens der Eltern, beantwortet diese Frage allein schon. Hinzu kommen die unzähligen unterschiedlichen Fachmeinungen, zwischen denen sich Eltern einfach nicht mehr auskennen. Kinderärzte, Hebammen, Therapeuten - sie alle reden wirr auf die Eltern ein. Aber sie alle leben einen großen Unterschied zur eigentlichen Familienbegleitung - sie kennen die Familie oft nur wenig, versuchen zu wenig zu verstehen, sondern eher, ihre Fachmeinung loszuwerden.
Daher ist es klar: Familienbegleitung ist notwendig und gefragter denn je. Das macht es nicht zu einer Marktlücke, mit der man versuchen sollte, sein Geld zu verdienen. Vielmehr sollten wir uns bewusst sein, welch verantwortungsvollen und sensiblen Job wir gewählt haben. Aber wie können wir den nicht nur ausüben, sondern dabei hilfreich und bereichernd sein?
Schon Emmi Pikler hat sich mit dieser Frage befasst. Sie war jahrelang private Kinderärztin und hat Familien auch über die medizinischen Anliegen hinaus begleitet. Die wenigsten wissen das, weshalb sie oft als "die mit dem Kinderheim" abgestempelt wird, die angeblich eine Pädagogik entwickelt hat, unter der ihr Heim gut und einfach läuft. Dabei hat sie so viel mehr getan. Vieles davon wird in dem Blog hier noch auftauchen.
Emmi Pikler hat sich nicht nur gefragt "Wie kann ein Kind sein?" sondern auch "Wie sind Kinder?" Sie hat also vor allem die Kinder beobachtet und in ihnen gelesen. Dann hat sie mit den Eltern gearbeitet, sie begleitet.
Natürlich hat sie damals recht kämpferisch und dogmatisch gearbeitet. Das bestätigt heute sogar ihre Tochter Anna Tardos. Anna hat in ihrem Vortrag eindringlich betont, dass wir nicht missionarisch sein dürfen. Dass wir Eltern nicht verschrecken sollen, indem wir dreimalklug und weise den Eltern vermitteln, dass sie bisher alles falsch gemacht haben. Vielmehr kommt es darauf an, die Eltern zu verstehen und zu kennen. Denn sie haben ihre eigene Geschichte, ihren kulturellen und gesellschaftlichen Hintergrund. Wir müssen ihre Motivation kennen, ihre Persönlichkeit.
Vor allem aber - und das ist wohl fast noch wesentlicher - dürfen wir Lösungen nur anbieten. Nicht aufzwängen. Und nicht einmischen. Wie können keine Familie beraten, unterstützen und begleiten, die nicht von sich aus zu uns kommt und uns fragt. Wo keine Frage ist, können wir nichts tun.
Am Heimweg im Zug habe ich eine Mutter gesehen, die ihr Kind, das noch nicht gehen konnte, an den Händen geführt hat. Den Gang rauf und runter. Natürlich tut es mir irgendwo weh, das zu sehen. Aber dabei das Lächeln der Mutter und die Zweisamkeit der beiden. Eine Harmonie, die man nicht zerstören darf. Also habe ich sie angelächelt und bin vorbeigegangen.
Was genau können wir aber tun als Familienbegleiterin? Anna Tardos sagt - wir können mit den Kindern arbeiten. Mit den Kindern reden, sie beobachten, auf sie eingehen. Wenn wir den Eltern quasi "vormachen", wie wir Probleme lösen können, geben wir die Möglichkeit nachzuahmen. Ohne dabei zu bewerten oder zu belehren. Ein Angebot.
Und - und das hat mich besonders beeindruckt - können wir Eltern aufzeigen, was ihre Kinder können, was sie tun. Damit wertschätzen wir nicht nur das Kind, sondern vor allem auch die Eltern. Und das ist es, was es oft braucht. Eine kleine Anerkennung. Eine wertschätzende Geste.
In einem Spielraum können wir das natürlich noch viel einfacher. Wir erleben das Kind dabei im Spiel, in Konflikten mit anderen Kindern und ganz bei sich. Wir können so viel mehr über die Familie erfahren. Und "vorbildlich" arbeiten. Ein Grund, warum ich die Familienbegleitung mit der Spielraumleitung kombinieren möchte.
Aafke, eine Niederländerin, die ich auf der Tagung kennenlernte, erzählte mir, dass sie Anna Tardos vor Jahren in Ungarn kennengelernt hat und Seminare bei ihr besucht hat. Dass Anna damals noch ebenso dogmatisch und missionarisch war, wie ihre Mutter. Dass sie gelehrt hat, was richtig und was falsch ist. Was Pikler und was nicht.
Und wie sehr sie sich nun gewandelt hat, wenn sie davon spricht, dass wir uns nicht einmischen dürfen. Die Piklerpädagogik nicht als das Heiligtum vermitteln.
Es gehört also zu einer guten Familienbegleiterin auch, dass wir mitwachsen mit unserer Berufung. Dass wir Meinungen ändern und dies akzeptieren können. Mit offenem Herz und wachsamem Geist. Ehrlich und Achtsam.
Ich danke Anna für diesen wundervollen und sehr lebhaften Vortrag. Für diese offene Einsicht in die Welt der Familienbegleitung. Und freue mich auf die Herausforderungen, die mir auf meinem Weg begegnen werden.
Ich danke aber auch Emmi Pikler. Sie hat so viel erforscht und erfahren, weitergegeben und (wenn auch dogmatisch) gelehrt, dass es mir heute noch möglich ist, mehr davon zu erfahren und zu diskutieren. Mit vielen Ansätzen ihrer Erkenntnisse im Hinterkopf werde ich arbeiten. Weil ich sie für wertvoll halte. Nicht nur für das Kind, sondern für die ganze Familie. Warum, dazu werde ich im einzelnen noch berichten auf dieser Seite. Wenn es um Bindung und Beziehung geht, um liebevolle Pflege, um freie (Bewegungs)Entwicklung. Um die Vorbereitung auf das Kind vor der Geburt. Um Problembewältigung danach. Und so vieles mehr.
Diese Arbeit ist nicht nur verantwortungsvoll und sehr sensibel. Sie ist so reich und berührend. Ein wundervoller Weg, der vor mir liegt. Danke!
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