Letztes Wochenende hat sich Herr Klein seine Lippe an dem Metallbügel einer Wippe aufgeschlagen. So arg, dass wir hin- und hergerissen waren zwischen Nähen lassen oder nicht. Die Meinungen der herbeieilenden Mütter am Spielplatz waren ebenso divers. Und da Herr Klein leicht unter Schock stand, beschlossen wir eine kurze Fahrt ins Krankenhaus.
Dort musste Herr Klein geröntgt werden. Dank eines großen Schildes mit dem Hinweis auf Schwangerschaften blieb ich draußen und lauschte dem lauten Schreien meines Sohnes. Herr Groß versuchte drinnen verzweifelt Herrn Klein zu erklären, was geschehen würde. Die Assistentin, die das Röntgen durchführte, sagte daraufhin nur zu ihm: "Redens ned so viel. Legens ihn da her, in einer Minute isser wieder draußen. Der hört eh ned auf zu Schreien."
In solchen Momenten ist man leider oft sprachlos. Aber es würde wohl auch nichts bringen, sich in Situationen, in denen das Kind nichts als Unterstützung und Beistand von uns braucht, in einen Streit mit anderen zu verfallen. So muss man lernen auszublenden. Und ganz beim Kind zu bleiben.
Denn wieso ist es so wichtig, dem Kind in solchen Situationen genau zu erklären was passiert?
In Anbetracht der Tatsache, dass der finstere Raum mit den überdimensional großen Geräten extrem bedrohlich wirkt (teilweise ja für uns Erwachsene schon), dass man den soeben erlebten Besuch im Sprechzimmer beim Arzt noch nicht ganz verdaut hat und dass womöglich die Lippe noch schmerzt und der Schock noch nachwirkt, sind das enorm viele Eindrücke, für so einen kleinen Kopf. Die gehören verarbeitet. Denn wenn wir uns an einen Unfall - egal wie klein oder groß - erinnern, so ist immer etwas Unbehagen dabei. Wir erinnern uns an Details, an Schmerzen oder den Schreck allein. Aber: wir haben Worte dafür. Können diese Dinge (zumindest im Kopf) benennen und uns oftmals logisch erklären. Kinder - vor allem vor und während des Sprachbeginns - können das nicht. Dennoch tragen auch sie Erinnerungen und Unbehagen mit sich herum. Dieses können sie dann nicht anders äußern als durch Weinen. Weinen in Situationen, in denen wir es womöglich nicht erwarten und nicht verstehen. Das führt zu einem Unverständnis ihrer Gefühle und somit zu einer ziemlich turbulenten Spirale, die wir dann womöglich einem "launischen Kind" zuschreiben.
Herr Kleins Verarbeitung des Geschehenen sah so aus:
Noch am selben Nachmittag, endlich aus dem Krankenhaus wieder draußen, einem kühlenden Eis auf der Lippe, wollte er zurück zum Spielplatz. "Spielplatz weh getan!" sagte er. Dort angekommen führte er uns direkt zur Wippe und sagte wieder: "Da weh!" Er inspizierte den Metallbügel, an dem noch etwas Blut zu sehen war und wiederholte "Doll weh!"
Später fügte er diesen Erzählungen hinzu: "Doktor!"
"Ja, wir waren im Krankenhaus beim Doktor."
"Foto!"
Genau, da haben sie Dich geröntgt und ein Foto von Deinem Kopf gemacht."
"Papa!" (hält dabei seine Hand auf seine Brust)
"Ja, der Papa war dabei und musste Dich festhalten."
Herr Klein nickte nach jedem Satz bestimmt und in vollstem Verständnis.
Dieser Dialog findet seitdem mehrere Male täglich in unserem Haus statt. Und er zeigt mir, wie oft dieses Erlebnis in seinen Kopf schießt. Und letztendlich müssen doch auch wir ganz oft, immer und immer wieder, von einem Erlebnis erzählen, bis auch wir es etwas verdaut und verarbeitet haben und sagen können: "so, und jetzt will ich mal nichts mehr davon hören."
Wie wichtig ist es nun (wenn möglich) im Vorfeld den anstehenden Ereignissen Worte zu geben?
"Mein größter Wunsch wäre aber, dass wir alle Eltern, Hebammen, Schwestern und Ärzte lernten, Babys, wann immer dies möglich ist, bevorstehende Eingriffe vorab zu erklären und dann mit Worten zu begleiten; so könnten wir unseren Kindern am Anfang ihres Lebens viel Leid ersparen." (Dr. Wolfgang Schaller, Kinderarzt)
Bei einer Impfung zum Beispiel. Oder Operation.
Wir neigen dazu unseren Kindern "unnötige Ängste" zu ersparen, sie zu beschützen und so lange wie möglich "fröhlich" zu sehen. Was aber bedeutet es für ein Kind, ohne weitere Ankündigung zum Arzt mitzugehen, um dann dort plötzlich einer Nadel entgegenzublicken. Oder schlimmer noch - in ein Krankenhaus zu fahren, ohne wirklich zu wissen, was es dort erwartet?
Egal in welchem Alter - ein Kind ist geschockt. Und verletzt. Es hatte gar keine Zeit, sich seiner Ängste bewusst zu werden. Geschweige denn, diese in irgendeiner Art und Weise zu bearbeiten. Und egal wie sehr wir nun glauben, dass dies der bessere Weg war, des geringsten Widerstandes und der wenigsten Tränen - es wird auf lange Sicht der mühsamste werden. Denn dieses Kind wird das Erleben nicht einfach vergessen und nie wieder darüber reden. Es wird es bewusst oder unbewusst mit sich tragen, im schlimmsten Fall durch dieses Unwissen noch verstärken und verschlimmern. Das sind dann die Ängste im Erwachsenenalter, die uns unerklärlich sind. Warum haben wir Angst vorm Zahnarzt, vor Spritzen oder Injektionen, vor plötzlichen Berührungen, vor großen Räumen, vor langen Gängen... etc. etc.
Es ist nicht ganz überraschend, dass so viele Eltern doch genau diesen Weg wählen. Im Glauben ihre Kinder zu schützen und zu bewahren tun sie in Wirklichkeit nur eins: sich selbst beschützen. Vor der Angst des Kindes und dessen Auseinandersetzung damit. Es ist ihnen nicht zu verdenken. Haben wir doch oft selbst nicht gelernt mit unseren eigenen Ängsten umzugehen. Wer kennt sie nicht, diese "Klassiker" von "Hat doch gar nicht weh getan!" bis hin zu "Schau, der Bub hat auch nicht geweint!"
Wenn wir jedoch unser Kind wirklich schützen und in dieses Leben, in dem uns nunmal unweigerlich Unannehmlichkeiten und Ängste begegnen, gestärkt hinauslassen wollen, so ist es sinnvoller, von Anfang an offen und ehrlich mit ihm zu sein.
"Unserer Ansicht nach hintergeht man die Kinder, wenn man sie, ohne es ihnen anzukündigen, überraschen von hinten impft. Es erschwert ihnen zu verstehen, was und warum etwas mit ihnen geschieht. Deshalb verheimlichen wir ihnen weder den Schmerz, noch sein Ausmaß, indem wir ihnen sagen, es tat nur wenig weh. Wir erwarten nicht, dass das Kind mutig und tapfer ist. Wenn es weint, ist dies eine natürliche und angemessen Art, seinen Schmerz und seine Angst auszudrücken. Wir wollen erreichen, dass das Kind durch das unangenehme Erlebnis möglichst wenig erschüttert wird und ihm das Vertrauen zu den Erwachsenen erhalten bleibt. Soweit es an uns liegt, bewahren wir die Kinder auf diese Weise davor, unbewusst in der ständigen Unsicherheit zu leben, dass ihnen unvorhergesehen etwas Schmerzhaftes begegnen könnte." (Katalin Tüzes, "Monika wird geimpft" aus "Im Dialog mit dem Säugling und Kleinkind", Piklergesellschaft Berlin)
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Donnerstag, 23. August 2012
Sprich mit mir !
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Montag, 9. April 2012
Die Wahrheit. Nichts als die Wahrheit.
Auf der Pikler Spielraum Tagung vor kurzem war es vor allem ein Vortrag, der mich am meisten berührt hat. Nicht nur für meine zukünftige Tätigkeit, sondern vor allem auch privat hinsichtlich der medizinischen Vergangenheit (und Zukunft) von Herrn Klein.
Denn ja - es gibt ihn tatsächlich. Diesen Kinderarzt, der sich Zeit nimmt. Der mit einem Kind redet, bevor er es berührt. Und der hinterfragt.
Dieser Kinderarzt heißt Doktor Wolfgang Schaller und ist mittlerweile in Pension. Außerdem wäre Salzburg dann doch etwas zu weit weg, für Routineuntersuchungen als auch für Notfälle.
Was Doktor Schaller jedenfalls herausgefunden hat, während seiner Zeit als praktizierender Kinderarzt, ist vor allem eines: Kinder brauchen Wahrheiten. Viele Probleme wie Schlafstörungen oder anhaltende Schreiphasen sind in der Tiefe der Seele eines Kindes begründet, oft im Unterbewusstsein, und können durch Reden und Erzählen der Wahrheiten, die in der Familie schlummern, behoben werden. Können.
So hat er von Fällen berichtet, wo eben solche Schlafprobleme verschwanden, weil er nach einem Gespräch mit den Eltern herausfand, welche Probleme es während der Schwangerschaft, Geburt oder Nachgeburtszeit gegeben hat, die Eltern bat, dem Kind davon zu erzählen und so unbewusste, tief sitzende Ängste gelöst hat.
Immer wieder hat er bei den Eltern nachgebohrt, und "Beichten" hervorgeholt, die geheilt haben.
Wie wertvoll ist es für ein Kind, wenn es eben diese Wahrheiten erfährt, anstatt verängstigt oder verunsichert aufzuwachsen?
Und letztendlich ist es ja nicht nur Heilung für das Kind, sondern auch für die Eltern. Deren Sorgen oder Probleme erhört werden, die diese Aussprechen können. Und die dann, mit einem entspannteren Kind eine wesentlich entspanntere Zeit leben und genießen können.
Genauso können es ja auch ganz einfache Wahrheiten sein, die den Eltern gar nicht als Problem aufgefallen sind. Zum Beispiel Babies, die sich einfach nicht aus den Armen der Eltern lösen lassen. Die schreien, sobald sie allein im Bett oder auf einer Decke liegen. Hier hat er oft herausgefunden, dass diese Kinder oder deren Mütter nach der Geburt medizinische Hilfe benötigt haben, die eine Zweisamkeit und das Bonding unterbrochen haben. Neugeborene, Babies mit Gelbsucht, von Operationen noch geschwächte Mütter oder sonstige Notfälle nach der Geburt. Selbst wenige Stunden unter der Wärmelampe sind für einen Säugling eine lange Trennung von der Mutter, nachdem es 9 Monate in deren Bauch gelebt hat.
Eine weitere, sehr sehr interessante Methode, die er immer wieder empfohlen hat, ist, dass die Eltern den Kindern nicht nur die Wahrheiten erzählen, sondern mit ihnen an den "Ort des Geschehens" - das Krankenhaus - zurückkehren. Denn Gerüche und Geräusche setzen sich im Unterbewusstsein fest. Gerade bei Babies mit Schlafproblemen kann es also sein, dass diese Gerüche und Geräusche eben während des Schlafes auftauchen und zu Unruhe und Angstzuständen führen. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn die Eltern mit dem Kind ins Krankenhaus, in den Kreißsaal oder auf die Station zurückkehren und ihm dort erzählen, was mit ihnen (oder ihnen selbst) geschehen ist und warum.
Gerade hier habe ich also mit dem Ohr einer Mutter eines mit angeborenen Herzfehler geborenen Kindes zugehört und gespannt gelauscht. Schon lange habe ich mich gefragt - Was hat diese Zeit vor der OP, die 6 Monate des unerträglichen Warten und Bangens, die OP selbst, die Zeit auf der Intensivstation und die Zeit danach mit ihm angestellt? Welche Fragen werden auftauchen, wenn er sprechen kann und versteht? Aber was schlummert jetzt schon tief in ihm? Wann soll/darf/muss ich damit beginnen, dies zu verarbeiten? Für ihn und für uns alle?
Hier bekam ich also meine Antwort von Dr. Schaller: Wahrheiten (vor allem große und schwerwiegende) sollte man einem Kind bis zum Schuleintritt jährlich erzählen. Das hat mich überrascht. Auch die Kinderkardiologin sprach vor der OP davon, dass es gut wäre, die OP so weit wie möglich hinauszuzögern, da von solchen Eingriffen später Probleme beim Schuleintritt auftauchen könnten. Vor allem je eher man operiert. Genau weiß ich den Hintegrund nicht, was das mit dem Schuleintritt genau zu tun hat, aber die Aussagen von zwei Ärzten diesbezüglich, haben mich darin bestärkt, es herauszufinden.
Doch bis dahin habe ich beschlossen, mit Leander die Stationen seines Herzfehlers aufzusuchen. Und so begab ich mich letzte Woche mit ihm ins Wiener AKH, ganz ohne Termin, ohne ersichtlichem Grund, dennoch etwas nervös.
Ich begann auf der Herzambulanz. Hier waren wir regelmässig vor der Geburt und müssen auch jetzt noch zu Nachkontrollen in gewissen Abständen erscheinen. EKG, Herzultraschall und Blutdruckmessung stressen hier nicht nur den kleinen Mann, sondern auch uns. Es war Freitagnachmittag und die Ambulanz geschlossen. So konnte ich ihm in Ruhe erklären, was sich hinter den Türen befand, was wir gewöhnlich dort machten, wenn wir herkamen, und warum. Er hörte mir zu, zeigt auf Türen und auf seine Brust, wo ich vorher mit dem Finger das Aufkleben der Elektroden nachgeahmt hatte. Er schaute sich kurz um, betrachtete die Schaukelpferde, hielt sich aber nicht lange auf. So, als ob er sagen wollte: wir gehen eh gleich wieder, ja?
Das taten wir. Hinüber zum Labor, wo ihm oft genug in den kleinen Finger gestochen und Blut herausgequetscht wurde. Er zeigte danach auf die Tür und auf seinen kleinen Finger. Er hatte also verstanden. Kurz überlegte ich, ob ich mit ihm den Gang zum OP nachgehen sollte. Aber es erschien mir fürs erste zu viel. Nicht nur für ihn, auch für mich. Also begaben wir uns auf die Intensivstation. Als wir vor der Schleuse standen, wurden meine Knie weicher. Ich hielt Leander fest im Arm und erklärte ihm, dass er dort sehr viel geschlafen hatte. Dass er dort allein war, und wir nicht da, als er aufwachte. Dass wir ihn nur besuchen durften, und wie schwer uns das fiel. Er nickte. Schaute sich um. Aber war ruhig. Von dort fuhren wir mit dem Lift auf Ebene 08.
Ebene 08 - mein persönlicher Alptraum. Die Stationsoberschwester war an der Rezeption und um Fragen auszuweichen hielt ich mich mit Leander direkt am Lift auf. Ging nicht weiter in die Station hinein. Ich erzählte ihm, dass wir hier beide gewohnt haben vor und nach der OP. Doch während ich redete, sagte er "Nein. Nein. Nein!" Ich weiß nicht, ob er meine Anspannung so sehr spürte, oder ob in ihm selbst etwas aufkam. Von Damals. Von dem Wahnsinn dort. Und so folgte ich seinem Nein und wir beendeten den Besuch fürs erste. Es brauchte noch eine Weile, bis ich mich erholt hatte, meine Knie mich wieder sicher trugen.
In 2 Wochen haben wir eine Untersuchung auf der Herzambulanz. Ich bin gespannt, wie diese verlaufen wird. Nicht nur aus medizinischer Sicht.
Aber es ist heilsam zurückzukehren und sich diesen eigenen Ängsten zu stellen. Es verknotet sich mein Magen jedes Mal, wenn wir mit der U6 am AKH vorbei fahren. Es wäre gut, das etwas zu beheben. Und wenn das bei mir funktioniert, warum dann nicht auch bei Leander? Und wie gut ist es, wenn er jetzt die Möglichkeit hat all das mit uns zu bewältigen, als in 20 Jahren mit einem Therapeuten?
Als angehende Familienbegleiterin hat es mich bestärkt darin, diesen Ansatz von Dr. Schaller weiter zu empfehlen. Nur muss ich dabei vorsichtig sein.
Denn hier können Dinge an die Oberfläche gelangen, denen wir auf Grund unserer psychologisch nicht allzu fundierten Ausbildung und den wenigen Vorkenntnisse in diesem Bereich nicht gewachsen sind. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Aber es ist gut zu wissen, dass es für viele Probleme Lösungen gibt fernab von Schlaf- oder Schreiambulanzen. Und wieder einmal gilt es, sich als Familienbegleiterin ein Netzwerk an Fachpersonen aufzubauen,
zu denen man verweisen kann, wenn man an seine Grenzen stößt.
Ich bin Dr. Schaller zu tiefst dankbar für diese Einblicke in seine Arbeit. Und ich hoffe, dass es doch mehr solcher achtsamer und empathischer Kinderärzte gibt.
Denn ja - es gibt ihn tatsächlich. Diesen Kinderarzt, der sich Zeit nimmt. Der mit einem Kind redet, bevor er es berührt. Und der hinterfragt.
Dieser Kinderarzt heißt Doktor Wolfgang Schaller und ist mittlerweile in Pension. Außerdem wäre Salzburg dann doch etwas zu weit weg, für Routineuntersuchungen als auch für Notfälle.
Was Doktor Schaller jedenfalls herausgefunden hat, während seiner Zeit als praktizierender Kinderarzt, ist vor allem eines: Kinder brauchen Wahrheiten. Viele Probleme wie Schlafstörungen oder anhaltende Schreiphasen sind in der Tiefe der Seele eines Kindes begründet, oft im Unterbewusstsein, und können durch Reden und Erzählen der Wahrheiten, die in der Familie schlummern, behoben werden. Können.
So hat er von Fällen berichtet, wo eben solche Schlafprobleme verschwanden, weil er nach einem Gespräch mit den Eltern herausfand, welche Probleme es während der Schwangerschaft, Geburt oder Nachgeburtszeit gegeben hat, die Eltern bat, dem Kind davon zu erzählen und so unbewusste, tief sitzende Ängste gelöst hat.
Immer wieder hat er bei den Eltern nachgebohrt, und "Beichten" hervorgeholt, die geheilt haben.
Wie wertvoll ist es für ein Kind, wenn es eben diese Wahrheiten erfährt, anstatt verängstigt oder verunsichert aufzuwachsen?
Und letztendlich ist es ja nicht nur Heilung für das Kind, sondern auch für die Eltern. Deren Sorgen oder Probleme erhört werden, die diese Aussprechen können. Und die dann, mit einem entspannteren Kind eine wesentlich entspanntere Zeit leben und genießen können.
Genauso können es ja auch ganz einfache Wahrheiten sein, die den Eltern gar nicht als Problem aufgefallen sind. Zum Beispiel Babies, die sich einfach nicht aus den Armen der Eltern lösen lassen. Die schreien, sobald sie allein im Bett oder auf einer Decke liegen. Hier hat er oft herausgefunden, dass diese Kinder oder deren Mütter nach der Geburt medizinische Hilfe benötigt haben, die eine Zweisamkeit und das Bonding unterbrochen haben. Neugeborene, Babies mit Gelbsucht, von Operationen noch geschwächte Mütter oder sonstige Notfälle nach der Geburt. Selbst wenige Stunden unter der Wärmelampe sind für einen Säugling eine lange Trennung von der Mutter, nachdem es 9 Monate in deren Bauch gelebt hat.
Eine weitere, sehr sehr interessante Methode, die er immer wieder empfohlen hat, ist, dass die Eltern den Kindern nicht nur die Wahrheiten erzählen, sondern mit ihnen an den "Ort des Geschehens" - das Krankenhaus - zurückkehren. Denn Gerüche und Geräusche setzen sich im Unterbewusstsein fest. Gerade bei Babies mit Schlafproblemen kann es also sein, dass diese Gerüche und Geräusche eben während des Schlafes auftauchen und zu Unruhe und Angstzuständen führen. Dem kann entgegengewirkt werden, wenn die Eltern mit dem Kind ins Krankenhaus, in den Kreißsaal oder auf die Station zurückkehren und ihm dort erzählen, was mit ihnen (oder ihnen selbst) geschehen ist und warum.
Gerade hier habe ich also mit dem Ohr einer Mutter eines mit angeborenen Herzfehler geborenen Kindes zugehört und gespannt gelauscht. Schon lange habe ich mich gefragt - Was hat diese Zeit vor der OP, die 6 Monate des unerträglichen Warten und Bangens, die OP selbst, die Zeit auf der Intensivstation und die Zeit danach mit ihm angestellt? Welche Fragen werden auftauchen, wenn er sprechen kann und versteht? Aber was schlummert jetzt schon tief in ihm? Wann soll/darf/muss ich damit beginnen, dies zu verarbeiten? Für ihn und für uns alle?
Hier bekam ich also meine Antwort von Dr. Schaller: Wahrheiten (vor allem große und schwerwiegende) sollte man einem Kind bis zum Schuleintritt jährlich erzählen. Das hat mich überrascht. Auch die Kinderkardiologin sprach vor der OP davon, dass es gut wäre, die OP so weit wie möglich hinauszuzögern, da von solchen Eingriffen später Probleme beim Schuleintritt auftauchen könnten. Vor allem je eher man operiert. Genau weiß ich den Hintegrund nicht, was das mit dem Schuleintritt genau zu tun hat, aber die Aussagen von zwei Ärzten diesbezüglich, haben mich darin bestärkt, es herauszufinden.
Doch bis dahin habe ich beschlossen, mit Leander die Stationen seines Herzfehlers aufzusuchen. Und so begab ich mich letzte Woche mit ihm ins Wiener AKH, ganz ohne Termin, ohne ersichtlichem Grund, dennoch etwas nervös.
Ich begann auf der Herzambulanz. Hier waren wir regelmässig vor der Geburt und müssen auch jetzt noch zu Nachkontrollen in gewissen Abständen erscheinen. EKG, Herzultraschall und Blutdruckmessung stressen hier nicht nur den kleinen Mann, sondern auch uns. Es war Freitagnachmittag und die Ambulanz geschlossen. So konnte ich ihm in Ruhe erklären, was sich hinter den Türen befand, was wir gewöhnlich dort machten, wenn wir herkamen, und warum. Er hörte mir zu, zeigt auf Türen und auf seine Brust, wo ich vorher mit dem Finger das Aufkleben der Elektroden nachgeahmt hatte. Er schaute sich kurz um, betrachtete die Schaukelpferde, hielt sich aber nicht lange auf. So, als ob er sagen wollte: wir gehen eh gleich wieder, ja?
Das taten wir. Hinüber zum Labor, wo ihm oft genug in den kleinen Finger gestochen und Blut herausgequetscht wurde. Er zeigte danach auf die Tür und auf seinen kleinen Finger. Er hatte also verstanden. Kurz überlegte ich, ob ich mit ihm den Gang zum OP nachgehen sollte. Aber es erschien mir fürs erste zu viel. Nicht nur für ihn, auch für mich. Also begaben wir uns auf die Intensivstation. Als wir vor der Schleuse standen, wurden meine Knie weicher. Ich hielt Leander fest im Arm und erklärte ihm, dass er dort sehr viel geschlafen hatte. Dass er dort allein war, und wir nicht da, als er aufwachte. Dass wir ihn nur besuchen durften, und wie schwer uns das fiel. Er nickte. Schaute sich um. Aber war ruhig. Von dort fuhren wir mit dem Lift auf Ebene 08.
Ebene 08 - mein persönlicher Alptraum. Die Stationsoberschwester war an der Rezeption und um Fragen auszuweichen hielt ich mich mit Leander direkt am Lift auf. Ging nicht weiter in die Station hinein. Ich erzählte ihm, dass wir hier beide gewohnt haben vor und nach der OP. Doch während ich redete, sagte er "Nein. Nein. Nein!" Ich weiß nicht, ob er meine Anspannung so sehr spürte, oder ob in ihm selbst etwas aufkam. Von Damals. Von dem Wahnsinn dort. Und so folgte ich seinem Nein und wir beendeten den Besuch fürs erste. Es brauchte noch eine Weile, bis ich mich erholt hatte, meine Knie mich wieder sicher trugen.
In 2 Wochen haben wir eine Untersuchung auf der Herzambulanz. Ich bin gespannt, wie diese verlaufen wird. Nicht nur aus medizinischer Sicht.
Aber es ist heilsam zurückzukehren und sich diesen eigenen Ängsten zu stellen. Es verknotet sich mein Magen jedes Mal, wenn wir mit der U6 am AKH vorbei fahren. Es wäre gut, das etwas zu beheben. Und wenn das bei mir funktioniert, warum dann nicht auch bei Leander? Und wie gut ist es, wenn er jetzt die Möglichkeit hat all das mit uns zu bewältigen, als in 20 Jahren mit einem Therapeuten?
Als angehende Familienbegleiterin hat es mich bestärkt darin, diesen Ansatz von Dr. Schaller weiter zu empfehlen. Nur muss ich dabei vorsichtig sein.
Denn hier können Dinge an die Oberfläche gelangen, denen wir auf Grund unserer psychologisch nicht allzu fundierten Ausbildung und den wenigen Vorkenntnisse in diesem Bereich nicht gewachsen sind. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Aber es ist gut zu wissen, dass es für viele Probleme Lösungen gibt fernab von Schlaf- oder Schreiambulanzen. Und wieder einmal gilt es, sich als Familienbegleiterin ein Netzwerk an Fachpersonen aufzubauen,
zu denen man verweisen kann, wenn man an seine Grenzen stößt.
Ich bin Dr. Schaller zu tiefst dankbar für diese Einblicke in seine Arbeit. Und ich hoffe, dass es doch mehr solcher achtsamer und empathischer Kinderärzte gibt.
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