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Donnerstag, 6. September 2012

Alles muss raus

Im Sommerurlaub waren wir mit Herrn Klein auf einem Spielplatz. Da er sich vorher Wasser über sein T-Shirt gekippt hatte, und ihn so etwas wahnsinnig stört, ließ ich ihn eine Weile oben ohne herumlaufen, bis die Sonne das T-Shirt getrocknet hatte.
Es dauerte nicht lange, bis uns eine Dame ansprach "Ist er auch ein Herzkind?"
Herr Klein war bisher noch nicht allzu oft nackt in der Öffentlichkeit gewesen, und somit war ich recht überrumpelt.


Es stellte sich jedoch in einem Gesprächsschwall, der aus der Mutter in wenigen Minuten heraussprudelte, heraus, dass ihr Sohn Elias, fröhlich und blondgelockt, ebenfalls mit einem Herzfehler geboren war. Einem wesentlich komplexeren. Not-OP direkt nach der Geburt, lange Zeit im Krankenhaus, Herzschrittmacher, monatliche Kontrollen auch heute noch. Elias ist 3.
Wenig später gesellte sich ihr Mann dazu. Eben noch genervt, dass sie noch immer am Spielplatz umherliefen, und nicht an der Kasse zum Affenzoo anstanden, war auch er innerhalb weniger Sekunden in Erzähllaune, nachdem er erfahren hatte, warum seine Frau nicht planmäßig dort war, wo sie sein sollte.

Ich überließ einen Großteil des Gesprächs Herrn Groß und kümmerte mich derweil um Herrn Klein. Und mein Gehirn begann zu rattern.
Diese Familie hatte offenbar enormen Gesprächsbedarf, wenn sie so schnell so offen ihre Geschichte darlegten. Sie waren gebeutelt. Natürlich. Und hatten scheinbar nicht genug Ventile, um sich selbst etwas zu befreien.
Als wir uns verabschiedeten, wirkten sie fröhlich, wünschten uns Alles Gute und spazierten davon. Ein wenig leichter.

Vor ein paar Wochen kam ich am Spielplatz in Wien mit einer Großmutter ins Gespräch. Sie war mit Enkel (1) und Enkelin (4) unterwegs. Die Mutter des Enkels lag schwanger mit strenger Bettruhe zu Hause. Die Mutter der Enkelin lebte gar nicht mehr. Dramatische Geschichten stürzten auf mich ein. Am Ende verabschiedete sie mich fröhlich winkend und wünschte mir alles Gute für die restliche Schwangerschaft. Sie hatte Luft gemacht.

Es ist so leicht zu sagen - Reden hilft ! Nicht immer sind wir dann, wenn gerade jemand zum Reden da ist, in der Stimmung. Nicht immer haben wir das Bedürfnis danach. Aber wenn es da ist, ist es oft schon unwichtig, wer der Schwamm ist, der das Gesagte aufsaugt. Auch wenn er es nachher wieder aus sich quetscht.
Oftmals ist es sogar gut mit Fremden zu reden. Die einem nicht Nahe stehen, nicht so schnell von Mitleid getragen die Gesichter langziehen.

Wenn ich zurückdenke, so fällt mir auf, dass ich (bzw. Herr Groß) in den Gesprächen selbst nicht viel gesagt haben. Das war auch gar nicht nötig.
Allzu oft glauben wir, dass wir auf gefühlsträchtige Sätze reagieren müssen. Die "richtige" Antwort finden. Dabei ist es manchmal viel hilfreicher, nichts zu sagen, das Gesagte wirken zu lassen, und der Person mir Gegenüber Raum zu geben. Raum zum Reden. zum Weinen. Zum Fühlen. Zum Sein.

Freitag, 24. Februar 2012

Routine - Nein Danke !

Man kennt das ja, wenn man sich freut, wie routiniert einem etwas von der Hand geht. Oder wie routiniert ein Kind schon etwas kann. Naja, geht es dabei um motorische Fähigkeiten, so mag das ja gut sein. Sobald aber der Geist gefordert ist, halte ich Routine für gefährlich, sehr gefährlich.

Als man uns nach der Diagnose von Herrn Kleins Herzfehler immer wieder sagte, dass diese OP letztendlich ja ein Routineeingriff sei, war ich nie wirklich beruhigt. Gerade wenn etwas so routiniert ist, verlässt man sich gern darauf, dass man das ja drauf hat, dass es flutscht und fast von selbst geht. Das will man dann doch nicht hören, wenn das Herz des Kindes stillgelegt und aufgeschnitten wird. Ja letztendlich ging doch alles gut während der 6 Stunden dauernden Operation.

Was danach gar nicht gut ging, war die Routine auf der Station. Wo Schwestern gestresst umherliefen und ernsthaft besorgte Eltern um jede Information und Unterstützung selbst kämpfen mussten. Wo die Informationen, die kamen, einem wie wilde Pfeile um die Ohren flogen, gespickt mit kleinen Fetzen aus medizinischen Vokabelheften. Unverständlich und überfordernd für Mütter, die ihr Wochenbett auf der Herzstation verbrachten, für Väter, die zwischen Job, krankem Kind und halb wahnsinniger Ehefrau schwankten.
So routiniert wie die Abläufe waren, so unpersönlich und hektisch wurden sie gelebt. Jeder Tanz aus der Reihe war zusätzlicher Stress. Für alle Beteiligten.

Beim Kinderarzt nichts Neues. Das kennen wohl alle, die der allgemeinen Betriebskrankenkassen anhängen und sich keinen privaten Arzt mit ruhigen atmosphärischen Wartezimmern, die man kaum streift, weil man gleich drankommt, leisten können. Stattdessen steht man dort zur ersten Mutter-Kind-Pass-untersuchung nur wenige Tage nach der Geburt mit seinem kleinen Wesen und ziehenden Dammrisswunden am Schalter und buchstabiert den eigenen Namen, den des Kindes, die gesamte Adresse und bei etwas Pech noch die ganze Großfamilie und alle Bezirke Wiens dazu. Danach sitzt man, endlich. In einem Raum voller kranker und nichtkranker Kinder, genervter Eltern und höchstmotiviert umherfliegenden Viren und Bakterien. Endlich der Aufruf. Jetzt ists bald geschafft. Denkt man. Stattdessen beginnt nun der richtige Stress. Ein Arzt, der routiniert (!) zwischen zwei Behandlungszimmern navigiert, an zwei Computern zwei Patienten ins System hackt, Rezepte tippt, Herzen abhorcht, Hüften schallt, Hoden prüft und mütterliche Hände schüttelt. Wenn überhaupt. Alles Routine. Läuft ja auch alles. Das Wartezimmer bummvoll, damit genug Geld reinkommt.

Eine Freundin besichtigte auf der Suche nach einer geeigneten Krippe für ihren Sohn verschiedene Einrichtungen, wobei sie in Gespräche mit PädagongInnen verstrickt wurde, die sie im Traum nie angedacht hätte. "Ja wissen Sie, nach 30 Jahren in dem Beruf hat man manchmal auch einfach keinen Bock mehr." Danke. Auf Nimmerwiedersehen. Menschen, die unsere Kinder betreuen, eine neue Generation ins Leben begleiten. Menschen, die stattdessen dem Alltag, der Routine, der eigneen inneren Lähmung zum Opfer gefallen sind.

Ist das das Ziel, wenn man einen Beruf wählt, der mit Menschen zu tun hat? Dass man eine Routine entwickelt, die so viel Fließbandarbeit ermöglicht, dass man vergisst, dass das keine Zahlen, keine Betonklötze sind, sondern Menschen?
Der traumhafte Gedanke ist, dass man Kinderarzt wird, weil man Freude an Kindern hat, einen guten Zugang zu ihnen, einfühlsam, sensibel und empathisch ist. Die Realität ? Zumindest bei den Kassenärzten ernüchternd. Ebenso beim Pflegepersonal im Krankenhaus. Bei KinderbetreuerInnen. Bei der kassenärztlich verschriebenen Physiotherapie.

Ich wünsche mir, dass ich keine Routine finde. Jedenfalls keine, die meine Tage und Wochen im Leben 2.0 so vereinfacht, so gleich aussehen lässt, dass ich diese Freude, diese Motivation und Begeisterung, die ich momentan empfinde, auf der Strecke verliere.
Ich freue mich darauf, dass jeder Mensch, der mir beruflich im Leben 2.0 begegnet, anders ist, einzigartig, neu. Und dass ich nun, anstatt ihnen mit routinierten Arbeitsabläufen ganz individuell entgegentreten darf. Sogar soll. Keine exceltabelle, keine Maschine, kein Script kann mir die Arbeit erleichtern. Und darüber bin ich jetzt schon froh.